Das Curated-Shopping-Geschäftsmodell

Curated-Shopping ist ein interessanter Ansatz - nicht nur für den Fashion-Bereich. Es erzeugt extreme Kundenbindung und führt zu einem flexiblen digitalen eCommerce-Geschäftsmodell.

Case Study: Curated-Shopping im eCommerce

Curated-Shopping ist ein eCommerce-Geschäftsmodell. Auf deutsch heißt es “betreutes Einkaufen”. In den letzten Jahren haben immer mehr Unternehmen den Wert von Curated-Shopping erkannt. Vor allem im Fashion-Bereich setzen immer mehr Unternehmen auf die direkte Beratung des Kunden.

Der Schwerpunkt dieses Geschäftsmodells liegt auf dem Aufbau enger Beziehungen zwischen Anbieter und Kunden durch persönliche Beratung. Durch das vertrauliche Verhältnis können stabile Preise erzielt und die Margen auf höherem Niveau gehalten werden. Die Retouren werden mit zunehmender Bindung zwischen Kunde und Berater geringer, der Umsatz steigt. Der Kunde wird langfristig gebunden. In dieser Case-Study betrachten wir das Geschäftsmodell mithilfe des Beispiels “Outfittery”.

Das Curated-Shopping-Modell im Detail


Wir schauen uns als nächstes einige Fakten und Details zum Curated-Shopping-Geschäftsmodell an. Als Basis dienen uns Informationen von Outfittery.de – mittlerweile Marktführer in ihrem Segment. Das liegt vor allem an den Vorteilen, die das Curated-Shopping-Modell liefert. Zu diesen gehören höhere Kundenbindung und Zufriedenheit, höhere Margen und höhere Warenkorbwerte als bei klassischen eCommerce-Unternehmen. Demgegenüber steht die Herausforderung, ein dringendes Bedürfnis zu identifizieren. Dazu muss die Zielgruppe einen hohen Bedarf an Beratung haben und über ausreichend finanzielle Mittel verfügen. Mehr aber jetzt in der Detailbetrachtung.

  • Fokussierung auf den Verkauf margenstarker Produkte über hochwertige Beratung. Beratung löst für eine bisherige Nicht-Zielgruppe eine Hürde auf. Im Fall von Outfittery werden Männer mit stilvoller Mode versorgt.
  • Konsequente Fokussierung auf Beratung und enge Kundenbindung. Zentrales technisches System ist das CRM. Der Einstieg in die Beratung erfolgt über eine Qualifizierung auf der Webseite von Outfittery. Danach nimmt ein Stil-Berater Kontakt mit dem Kunden auf. Gemeinsam wird das erste Paket konfiguriert. Aus den Retouren und Feedback-Gesprächen lernt das Outfittery-Team den Kunden besser kennen. Jedes weitere Paket ist dann jeweils ein Stück individueller auf den Kunden abgestimmt.
  • Die Webseite dient als Zugang zur Beratung. Produkte werden nicht aufgelistet. Einen klassischen eCommerce-Katalog gibt es nicht. Damit unterscheidet sich das Geschäftsmodell entscheidend vom Vendor-Modell, in dem ein Shop mit Produktkategorien und Produkten online gepflegt wird.
  • Fokus auf Marke und hochpreisige Produkte. Die Bequemlichkeit und Beratung steht im Vordergrund, nicht der beste Preis. Zielgruppe sind Personen mit einem dringenden Bedarf und gutem finanziellen Background (ein komplettes Outfit kostet bei Outfittery etwa 380 EUR).
  • Investitionen werden aus der Produktpflege und dem Shop-Ausbau des klassischen eCommerce in den Auf- und Ausbau einer exzellenten Beratung auf Basis eines CRM-Systems verschoben. Der Beratungsbedarf (Akzeptanz, Zeitersparnis) muss als dringendes Problem in der Zielgruppe erkannt worden sein.
  • Im Gründungsjahr 2012 verschickte Outfittery pro Monat 500 Boxen. Im Schnitt kaufte jeder Empfänger Produkte im Wert von 300 EUR pro Box und forderte alle zwei Monate eine neue Box an. Damit konnte Outfittery einen Umsatz von 1.800 EUR pro Kunde und Jahr erzielen. Durch den Fokus auf Markenware kann eine hohe Marge gesichert werden. Starke Kundenbindung und Wettbewerbsvorteile durch die Lockin-Strategie inklusive. Mit der Dauer der Kundenbeziehung sinkt die Wechselwahrscheinlichkeit.
  • Neue Spieler im Curated-Shopping-Segment reduzieren die Aufwände für Beratung und Betreuung durch Virtualisierung – Sie lagern die Beratung an freie Partner aus. Der Tauschhandel lautet: Kontakt zu Kunden und Sichtbarkeit gegen Betreuung.

Curated-Shopping aus Sicht des EmotionalCommerce©

Im Kern jeder wirtschaftlich relevanten Interaktion steht Verhalten. Wird wirtschaftlich relevantes Verhalten ausgelöst, entsteht Erfolg. Menschliches Verhalten lässt sich mit geeigneten Modellen entschlüsseln und bewusst modellieren. Das gilt für Strategie, Taktik und operative Aufgaben. Ein Modell ist unsere EmotionalCommerce©-Methodik. Diese Methodik integriert wissenschaftliche Erkenntnisse aus unterschiedlichen Bereichen der Psychologie. Aus dem Modell ergeben sich vier Schwerpunkte, die analysiert, bewertet und mit geeigneten Konzepten beantwortet werden.

Curated-Shopping-Geschäftsmodell-Behavior-Match

Wir wollen uns die vier Elemente für das Unternehmen “Outfittery” im Detail ansehen. Die Analyse ist an dieser Stelle natürlich nur oberflächig, soll aber zeigen, dass die verhaltenspsychologische Analyse hilft, neue digitale Geschäftsideen auf ein solides Fundament zu stellen. Vor allem dann, wenn zu Beginn Zahlen und Daten des Marktes fehlen. In diesem Fall liefert die Zielgruppe als wichtigstes Element Antworten. Dazu betrachtet man zwei Komponenten: Motivation (Ziele, Normen und Ästhetik) und Fähigkeiten (Zeit, Geld, mentale Kapazität, physische Kapazität, Werte, etablierte Routinen).

Motivation erzeugt emotionale Reaktionen. Diese reichen von positiver emotionaler Reaktion (“Will ich haben…”) über neutrale emotionale Reaktion (“Ist nicht relevant für mich…”) bis hin zu negativen emotionalen Reaktionen (“Das passt gar nicht…”). Fähigkeiten sind die Voraussetzung dafür, dass sich eine emotionale Reaktion in Verhalten äußern kann. Geschäftsmodelle und deren Ausführung müssen die Hürden der Zielgruppe kennen und beseitigen. Lesen Sie einfach mal die Zitate der Testimonials auf Outfittery.de. Sie werden die folgende Analyse dort bestätigt sehen.

  • Die Ziele (1)

    Outfittery richtet sich mit seinem Angebot an Männer, für die Shopping eine Belastung ist oder deren Stilbewusstsein wenig ausgeprägt ist. Mit dem Angebot unterstützt Outfittery seine Kunden, in bestimmten sozialen Situationen stilsicher aufzutreten und entlastet die Kunden von zeitaufwändigen Shopping-Touren in Kaufhäuser. Dadurch kann der Kunde sich auf beruflich und privat wichtige Ziele konzentrieren. Ziele sind eine Komponente von Motivation. Motivation wiederum erzeugt Emotionen und dadurch langfristig eine emotionale Bindung. Unternehmen, die in das Curated-Shopping einsteigen wollen, müssen die Ziele der potentiellen Kunden ermitteln und im Detail verstehen.

  • Normen (2)

    Soziale Normen sichern den Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Outfittery liefert durch ausgewiesene Style-Berater dem Kunden Expertise, um den Normen bestimmter Gruppen zu entsprechen. Die Leistungen von Outfittery sind zudem gesellschaftlich anerkannt. Beratung und Coaching gehören zum Zeitgeist und zeugen von Stil, finanzieller Kraft und Modernität. Normen sind Teil der Motivation und können unterstützend oder verhindernd wirken. Unternehmen sollten beim Aufbau neuer Lösungen grundsätzlich prüfen, ob sich die Normen und Werte der Gesellschaft geändert haben. Ein Indikator dafür sind Megatrends in der Gesellschaft. In diesem Fall der Trend zu Entlastung und zur Personalisierung. Eine Veränderung gesellschaftlicher Normen ist oft ein Auslöser für den schwindenden Erfolg vormals erfolgreicher Unternehmen.

  • Ästhetik (3)

    Der Begriff der Ästhetik ist ein wenig irreführend. Es geht nicht primär um Design, sondern um Signale, die durch Gestaltung, Inhalte und Strukturen transportiert werden. Assoziationen unterstützen den potentiellen Kunden in der Adaption des Angebotes. So werden bei Outfittery bewusst Signale in Richtung des hochwertigen Einzelhandels gesetzt. Der Fokus liegt auf Beratung und Betreuung – nicht auf den Produkten. Zweites Element der Ästhetik ist kognitive Einfachheit. Der moderne Internetnutzer sucht nach einfach zu benutzenden, ansprechend gestalteten Angeboten. Hürden, Aufwände und Investitionen mentaler Energie werden sofort abgestraft. Für das Curated-Shopping-Modell bedeutet das eine aktive und schrittweise Führung des Nutzers, sauber gestaltete und reduzierte Formulare für die Erstberatung und klare Kommunikation der folgenden Schritte. Hochwertige Verpackungen und persönliche Botschaften transportieren den strategischen Ansatz der individuellen Beratung. Ästhetik kann – falls erfolgreich konzipiert – die Entstehung emotionaler Reaktionen unterstützen. Die falschen Signale wirken in der Regel negativ.

  • Fähigkeiten (4)

    Die Zielgruppe von Outfittery sieht sich Hürden ausgesetzt. Eine Zielgruppe hat keine Zeit für Shopping-Touren, eine andere ist unsicher in den sozialen Normen (Kleidungsstil), ein anderer Teil versucht physische Aufwände zu minimieren. Jede dieser Hürden hat ursprünglich Käufe in Onlineshops oder im lokalen Fachgeschäft verhindert. Kleidung wurde nur gekauft, wenn es dringend war. Outfittery hat mit dem Curated-Shopping-Modell diese Hürden beseitigt und ermöglicht damit die Entstehung wirtschaftlich relevanten Verhaltens (Lead, Sale, Upsell).

Motivation und Fähigkeiten wirken in allen Ebenen des Geschäftsmodells. Fehlt in einem der Bereiche eine sorgfältige Auseinandersetzung mit den Kundenarchetypen (Personas), kann sich Verhalten nicht äußern. Übrigens ein gängiges Modell in den meisten eCommerce-Modellen. Motivation wird nicht erzeugt. Der Wettbewerb findet über die Hürde des Preises statt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Zielen, Normen und ästhetischen Erwartungen der Zielgruppe ist der Schlüssel zur erfolgreichen Differenzierung jenseits von Preis und Sales-Kampagnen. Gerne beraten wir Sie dazu – zum Beispiel in einem Workshop.

Anforderungen und Elemente des Geschäftsmodells

Jedes Unternehmen setzt seine Wertschöpfung aus unterschiedlichen Komponenten zusammen. Mit dem Business-Modell-Canvas werden diese Komponenten analysiert, modelliert und dokumentiert. Wir haben das innovative und weltweit eingesetzte Werkzeug in diesem Insight bereits näher beschrieben. Einseitige Geschäftsmodelle lassen sich in der Regel mit einem Canvas dokumentieren. Mehrseitige Geschäftsmodelle werden mit mehreren Canvas dokumentiert und an Schnittstellen miteinander verbunden. Wir schauen uns jetzt die Komponenten des Outfittery-Business-Models im Detail an.

Curated-Shopping-Business-Model-Canvas

  • Kundensegmente (1)

    Die Kundensegmente sind das A und O des Curated-Shopping-Geschäftsmodells. Ohne eine systematische Erfassung der Kundensegmente in Form von Archetypen (Personas), sind alle weiteren Schritte wertlos. Die Personas sollten verhaltenspsychologisch fundiert entwickelt werden, um kreativen Wunschschlössern entgegenzuwirken. Wir haben die Kundensegmente und Bedürfnisse für Outfittery mit EmotionalCommerce© bereits detailliert betrachtet. Die Kunden haben ein Zeit-Problem, sind auf der Suche nach Bequemlichkeit oder sind unsicher in Bezug auf die sozial bewährten Kleidungsstile. Diese drei Kunden-Archetypen adressiert Outfittery mit dem Curated-Shopping-Angebot.

  • Wertversprechen (Value Proposition – 2)

    Aus den Kundenarchetypen und den verhaltenswirksamen Anforderungen lässt sich ein Wertversprechen formulieren. Das ist der Nutzen, der von Ihrem Angebot erzeugt wird. Wenn Sie unterschiedliche Produkte im Portfolio haben, sollten Sie für jedes der Produkte eine verhaltenspsychologische Analyse und Dokumentation im Business-Model-Canvas durchführen. Aus den Kundenarchetypen entwickelt Outfittery folgenden Nutzen: einfacher, unkomplizierter Zugang zu stilsicheren und sozial akzeptierten Outfits. Individuelle Beratung und Betreuung statt Self-Service.

  • Kanäle (Channels – 3)

    Die Kanäle beschreiben den Zugang zum potentiellen Kunden. Der klassische eCommerce mit einem großen Produktkatalog gewinnt seine Kunden in der Regel über die organische Suche oder produktbezogene AdWords. Curated-Shopping-Betreiber können diesen Kanal nicht in der Form nutzen. Sie setzen eher – wie Outfittery – auf eine Kombination aus Content-Marketing (Blog), soziale Präsenz und Werbekanäle mit hoher Reichweite, zum Beispiel TV. Dabei bieten sich Fernsehspots in zielgruppenahen Sparten an. So schaltet Outfittery beispielsweise Werbung auf ProSiebenMAXX und DMAX. Beide Sender haben Männer als Zielgruppe. Weitere Möglichkeiten wären aus unserer Sicht Werbeformate in sozialen Netzwerken. Diese können sehr genau ausgespielt werden und verhindern so Streuverluste (beispielhaft seien Facebook-Ads genannt). Nachdem der Kunde in das CRM gezogen wurde, verändern sich die Kanäle. Diese hängen stark von der angestrebten Kundenbeziehung ab.

  • Kundenbeziehung (Customer Relationship – 4)

    Das Curated-Shopping-Modell lebt vom direkten und systematischen Kontakt und Austausch zwischen Berater und Kunde. Der Kontakt wird bei Outfittery über E-Mails und Telefon sichergestellt. Die gewonnenen Daten werden direkt in das CRM-Profil des Kunden eingepflegt. Aus dem CRM-Profil erfolgt dann eine direkte und persönliche Beratung. Mit fortschreitender Interaktion entwickelt sich aus den gewonnenen Informationen ein nicht kopierbarer Wettbewerbsvorteil. Damit verfolgt Curated-Shopping – und entsprechend auch Outfittery – eine klare Lockin-Strategie. Die hohe Kundenzufriedenheit und Bindung kann sich in einer höheren Empfehlungsrate äußern und zu neuen, kostenlosen Marktzugängen führen.

  • Umsatz (5)

    Wir hatten den Umsatz von Outfittery im Jahr 2012 als Referenz bereits weiter oben herangezogen. Der Umsatz wird durch den Verkauf margenstarker Markenprodukte und den hohen Match mit den Wünschen des Kunden erzielt. Dabei liegt der einzelne Bestellwert mit 300 EUR pro Paket auf einem sehr hohen Niveau. Die Rate wiederholter Käufe – alle zwei Monate eine Bestellung pro Kunde – ist ebenfalls beachtlich. Mit zunehmender Bindung des Kunden an den Anbieter sinkt der Anteil der Marketing- und Vertriebskosten. Kosten für Retouren verringern sich mit der Zeit ebenfalls. Parallel entsteht mit den Daten im CRM die Basis für den Vertrieb verwandter Produkte und Dienstleistungen, sodass weitere Umsatzquellen auf fundierter Basis erschlossen werden können.

  • Kernaktivitäten (6)

    Zu den Kernaktivitäten eines Curated-Shopping-Angebots gehören der Betrieb und Ausbau eines leistungsstarken CRM-Systems, der Aufbau eines starken E-Mail-Marketings, die wiederkehrende Akquise neuer Kunden sowie die sorgfältige Betreuung des bestehenden Kundenstamms über dafür optimierte Prozesse. Begleitende Aufgaben sind das Lagern, Verwalten und Verpacken von Produkten sowie der Aufbau und die Pflege von Kontakten zu den Markenherstellern.

  • Schlüsselressourcen (7)

    Das Curated-Shopping-Modell benötigt ein technisch ausgefeiltes CRM-System und die zur Entwicklung notwendigen Fachkräfte. Außerdem ein starkes Online-Marketing-Team, welches auch jenseits des Webs aktiv werden kann. Zu den weiteren Fachkräften zählen Berater mit fachlicher Expertise sowie Lager- und Logistik-Arbeiter. Der Versand wird über entsprechende Dienstleister sichergestellt. Außerdem wird zu Beginn ein erfahrener Dienstleister im Bereich Customer-Experience, Digital-Brand-Management und Werbung benötigt, um die PS auf die Straße zu bringen.

  • Schlüsselpartner (8)

    Zu den Schlüsselpartnern gehören die Hersteller, Marketing-Partner, CRM-Anbieter, Logistik-Dienstleister und Stilberater. Die Hersteller profitieren von einem sehr hochwertigen Marktzugang auf dem Beratungsniveau des Einzelhandels. Die Marketing-Partner liefern den Zugang zur Zielgruppe und füttern das CRM-System mit neuen Kunden. Das CRM-System wiederum wird von spezialisierten Unternehmen geliefert oder maßgeschneidert produziert. Die Stilberater werden fest angestellt oder aber als freie Berater engagiert. Im zunehmenden Maße tauschen Curated-Shopping-Plattformen den Zugang zur Zielgruppe gegen Beratungsleistungen ein. Diese werden von freien Experten und Selbstständigen geliefert (z.B. bei dem Curated-Shopping-Angebot von Zalando).

  • Kostenstruktur (9)

    Das Curated-Shopping-Modell erzeugt zu Beginn hohe anfängliche Investitionen in ein technisches Setup (CRM, Warenhaltung, Fakturierung) sowie in den Aufbau eines Markzugangs. Dafür entfallen kostenintensive Investitionen in große Produktlager, die Produkt-Einpflege und den Aufbau eines Online-Shops. Höhere Kosten entstehen für die Stilberater und den Aufbau optimaler Beratungsprozesse. Dafür verteilen sich alle Kosten im besten Fall auf wiederkehrende Einkäufe und niedrige Kosten für die Reaktivierung (z.B. via E-Mail-Marketing) und werden schneller durch höhere Margen gedeckelt. Das Curated-Shopping-Modell vermeidet den Wettlauf um Features – wettbewerbsrelevante Innovation findet im geschützten Bereich statt und ist nur teilweise für den Wettbewerb sichtbar. Weitere Kosten entstehen für Büro, Lager und Fachkräfte.

Die vier Prinzipien der digitalen Transformation

Die digitale Transformation geht von der digitalisierten Gesellschaft aus. Neues Verhalten entsteht auf Basis digitaler Technologie. Dieses neue Verhalten erzeugt neue Einstellungen und Erwartungen gegenüber Dienstleistungen und Produkten. Dieser Vorgang findet wechselwirksam statt – Ein Kreislauf, in dem sich immer wieder neue Bedürfnisse ausbilden. Unternehmen, die digital aktiv werden wollen, müssen ihre Unternehmung auf ein solides Fundament stellen, um dem Wandel konsequent und kontinuierlich begegnen zu können. Die notwendigen Prinzipien haben wir in diesem Insight beschrieben. An dieser Stelle führen wir eine Bewertung für das Curated-Shopping-Modell durch.

Prinzip 1 – Menschliches Verhalten fokussieren

Ein erfolgreich umgesetztes Curated-Shopping-Angebot basiert auf verhaltenswirksamen Aspekten. Es ermöglicht den Kunden das Erreichen vorher nicht erreichbarer Ziele, die Einhaltung gesellschaftlich wichtiger Normen und wird in ansprechender Ästhetik ausgeliefert. Hürden, die bisher wirtschaftliches Verhalten verhindert haben, werden systematisch abgebaut. Vom ersten Kontakt an werden Informationen über den Kunden und seine individuellen Bedürfnisse erfasst und ausgewertet. Damit folgt Curated-Shopping dem ersten Prinzip erfolgreicher digitaler Transformation.

Prinzip 2 – Flexibilisierung des Geschäftsmodells

Das CRM ist das Herzstück des Curated-Shopping-Modells. Mit den Kundendaten und Informationen lassen sich weitere digitale Angebote formen. Das Curated-Shopping-Angebot profitiert von der Einfachheit der Webtechnik und den überschaubaren starren Geschäftsmodell-Elementen (Lager und Logistik). Zusätzliche Berater mit anderen Fachgebieten können schnell und unkompliziert eingestellt werden. Die Beratungsprozesse können übernommen werden. Damit entspricht das Curated-Shopping-Angebot zum großen Teil auch dem zweiten Prinzip der erfolgreichen digitalen Transformation. Im direkten Vergleich zu dem klassischen eCommerce-Modell lassen sich effizienter und effektiver neue Angebote aufsetzen.

Prinzip 3 – Dynamik und Schnelligkeit

Auf Basis der im CRM gespeicherten Daten können Veränderungen im Verhalten der Zielgruppen schneller erkannt und durch neue Angebote beantwortet werden. Da die Kundenbeziehung sehr stark von direktem Kontakt geprägt ist, können neue Hypothesen schnell mit dem Kunden getestet werden. Die wachsende Datenbank mit klassifizierten Informationen über die Bedürfnisse der Nutzer erzeugen Kohorten mit ähnlichen Bedürfnissen. Auf Basis dieser Kohorten können neue Angebote effizient und effektiv entwickelt werden. Teile des Geschäftsmodells können an Partner ausgelagert und damit virtualisiert werden. Das Curated-Shopping-Modell erzeugt einen dauerhaften Zugang zum Markt, der für Partner ebenfalls von Interesse ist. Dies ermöglicht die Integration eines mehrseitigen Geschäftsmodells. So können beispielsweise freie Berater eingesetzt werden, die durch Verkaufsprovisionen am Erfolg beteiligt werden.

Prinzip 4 – Evolutionäre Struktur und Arbeitsweise

Das CRM als Rückgrat des Geschäftsmodells ist eine gute Grundlage für analytisches Arbeiten auf Basis digitaler, verhaltenspsychologisch relevanter Daten. Der größte Teil des Geschäftsmodells ist durch Digitalisierung geprägt. Prozesse in der Beratung können unproblematisch optimiert werden. Ob Outfittery diesen Weg geht, ist uns nicht bekannt. Das Geschäftsmodell des Curated-Shoppings ermöglicht eine fundierte, analytische und digitale Arbeitsweise auf Basis verhaltenspsychologischer Hypothesen. Der enge Kontakt mit dem Kunden und das ausgeprägte Wissen über dessen Psychologie ermöglicht das schnelle Entwickeln, Testen und Validieren von Ideen im geschlossenen System. Damit wird auch das vierte Prinzip der erfolgreichen digitalen Transformation erfüllt.

Fazit zu Curated-Shopping

Am Beispiel von Outfittery – Marktführer im Segment Fashion – haben wir die Erfolgskriterien des Curated-Shopping-Geschäftsmodells beleuchtet. Das Modell hebt sich vom klassischen eCommerce durch die enge Kundenbindung, die geringere webbasierte Komplexität und klare Wettbewerbsvorteile durch fokussierte Bedürfnisbefriedigung ab. Entscheidend für den Erfolg einer Curated-Shopping-Unternehmung ist die genaue verhaltenspsychologische Kenntnis der Kundenbedürfnisse.

Aus unserer Sicht ist dieses Geschäftsmodell vor allem für Unternehmen geeignet, die sich im Wettbewerb mit produktfokussierten Anbietern differenzieren wollen. Das gilt vor allem für Unternehmen mit stationären Geschäften und starkem Fokus auf Beratung. Hier können auch Elemente des Multichannel-Commerce integriert werden. Die Outfit-Empfehlungen können im Laden anprobiert und variiert werden. Vor allem aber profitieren diese Unternehmen davon, dass keine umfangreichen Lagerhaltungs- und Verwaltungssysteme notwendig sind. Outfits können direkt aus dem Laden zusammengestellt und versandt werden. Das entstehende CRM hilft den Unternehmen, detaillierte Informationen über die individuellen Bedürfnisse ihrer Kunden zu sammeln. Diese sichern dann zum Beispiel kostenintensive Investitionen im stationären Geschäft ab.

mm
Kai Hebenstreit war als Soldat im Auslandseinsatz, ehe er sich für digitales Produkt-Design interessierte. Nach einem Design-Studium an der renommierten Ruhrakademie in Schwerte wechselte er zu bekannten deutschen Digitalagenturen, wo er Design-Teams auf Kundenprojekten für die METRO AG, Kraft Foods, RWE, Porsche und viele weitere führte. Seit 2012 berät er freiberuflich und über manymize Unternehmen in der digitalen Transformation. Bei manymize ist Kai in der Geschäftsführung und verantwortlich für die strategische Ausrichtung und Entwicklung der Angebote, den Reichweiten-Aufbau sowie die Neukunden-Betreuung. Außerdem steuert er regelmäßig Artikel für das Magazin manymize Q bei.

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