Industrie 4.0 – Der Guide für Unternehmer

Industrie 4.0 ist der Oberbegriff für eine Initiative der deutschen Bundesregierung. Wie aber definieren andere Länder die digitalen Aufgaben für sich? Was bedeutet Industrie 4.0 für Unternehmer und Manager? Dieser Insight liefert Antworten.

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Kai Hebenstreit

Kai Hebenstreit ist Chefredakteur und Gründer des digitalen Magazins manymize magazin®. Kai ist Experte für digitale Geschäftsmodelle und Start-ups, digitale Produktstrategien und UX-Design und -Management. Er ist Diplom-Designer mit einem zusätzlichen Abschluss in Verhaltenspsychologie. Auf Agenturseite zählen zu seinen Kunden GetIt (heute KPS Digital), OgilvyOne und BBDO - auf Unternehmensseite unter anderem die METRO AG, Dr. Oetker, Unitymedia, Porsche und Volkswagen.

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Deutschlands bisheriger Erfolg ist auf seine Industrie und die Aktivitäten in der industriellen Ökonomie zurückzuführen. Doch die Herstellung physischer Produkte wird in Zukunft kein Garant für Erfolg bleiben. Während schwerpunktmäßig in China und den USA Unternehmen der digitalen Ökonomie – Plattformen verknüpft mit physischen Produkten – entstehen, tun wir uns mit dem Wechsel von der industriellen zur digitalen Ökonomie schwer. Industrie 4.0 – als Sammelbegriff für digitale Initiativen – ist eine strategische Antwort der deutschen Bundesregierung auf die weltweiten Entwicklungen hin zur digitalen Ökonomie. Mit diesem Insight gehen wir dem Begriff „Industrie 4.0“ auf den Grund.

Mit dieser Analyse werfen wir einen Blick hinter den Begriff „Industrie 4.0“ – wie ist die Industrie 4.0 definiert, welche Ideenansätze werden unter dem Begriff gesammelt? Inwiefern ist der Begriff für Unternehmen interessant?

Was bedeutet der Begriff Industrie 4.0?

Der Begriff „Industrie 4.0“ ist der Sammelbegriff für eine strategische Initiative der Bundesregierung. Unter dem Begriff werden Aktivitäten vermarktet, koordiniert und mit Leben gefüllt. Die Aktivitäten konzentrieren sich in Deutschland vorrangig auf die Industrie. Darin unterscheidet sich die deutsche Initiative vom ICC („Industrial Internet Consortium“) der US-Amerikaner. Im ICC werden alle Sektoren – beispielsweise der Dienstleistungssektor – in die digitalen Zukunftsstrategien integriert. In Deutschland werden vor allem Unternehmen aus dem Maschinenbau unter dem Begriff „Industrie 4.0“ vereint – hier gibt es noch ausreichend Potenzial für die digitale Vernetzung. Viele andere Industrien – wie beispielsweise die Druckindustrie – haben die Produktion bereits mit digitalen Vertriebskanälen und Plattformen vernetzt.

Der deutsche Fokus auf Industrie ist deshalb so stark, weil wir in den vergangenen Jahrzehnten die industriellen Strukturen gestärkt haben. Im gleichen Zeitraum haben die USA den Industriesektor systematisch abgebaut und den Dienstleistungssektor gestärkt.

Dadurch erklären sich die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Herausforderungen der digitalen Ökonomie. Im Kern geht es bei allen digitalen Zukunftsinitiativen um die optimale Befriedigung der Kundenbedürfnisse durch (digital) anpassbare Produkte, die zudem Daten generieren und für Entwicklung und Weiterentwicklung bereitstellen – wir befinden uns an der Schwelle zur „Convenience Economy“ – in der Mehrwerte vor allem durch einfache Benutzbarkeit und maximalen Nutzen entstehen.

Es lassen sich zwei große strategische Spielfelder identifizieren. Erstens die Vernetzung der Produktionen von Unternehmen entlang der Supply-Chain. In ihr kommunizieren Werkstoffe, Teilprodukte und Fertigungsstraßen vollautomatisch miteinander. Rüstzeiten werden reduziert, individuelle Produkte mithilfe der industriellen Fertigung ermöglicht. Zweitens die Vernetzung der Endprodukte im Internet-of-Things. Im IoT übernehmen die Produkte die Rolle von Sensoren und erweiterbaren Plattformen, um die Produktlebensdauer zu erhöhen. Der Schlüssel liegt in der hohen Teildigitalisierung physischer Produkte, wie man es beispielsweise von Smartphones kennt.

Im nächsten Abschnitt betrachten wir die Unterschiede zwischen dem deutschen Ansatz in der Industrie 4.0 und dem Ansatz der US-Unternehmen. Die beiden Ansätze unterscheiden sich wesentlich. Aber dazu im nächsten Absatz mehr.

Industrie 4.0 – die vertikale Digitalisierung der Produktion

Unternehmen der industriellen Ökonomie sind vertikal organisiert. Am Ende der Wertschöpfung entsteht ein fertiges und nachträglich unveränderliches Produkt. Dieses Produkt ist auf die Bedürfnisse einer speziellen Zielgruppe zugeschnitten und deckt den größten gemeinsamen Nenner aller individuellen Einzelbedürfnisse. Für die Produktion werden viele kleinere, spezialisierte Unternehmen in der Wertschöpfung zusammengeführt. Sie sind in der Wertschöpfung vertikal nach dem Einsatzzeitpunkt organisiert – alles greift wie die Zahnräder eines Getriebes ineinander.

Bild zeigt die Vernetzung von Produkten mit digitalen Plattformen über das IoT (Internet-of-Things) sowie die Vernetzung der Unternehmen innerhalb einer vertikalen Wertschöpfung.

Sind die Produkte an den Kunden ausgeliefert, ist die Wertschöpfung zum größten Teil abgeschlossen. In der operativen Verwendung der Produkte beim Kunden werden weder umfangreiche Daten generiert, noch auf dem Produkt aufbauende Dienstleistungen geschaffen. Die Idee von „Industrie 4.0“ setzt deshalb an mehreren Punkten an:

  • Das Produkt muss selber zum Sensor werden. Über Schnittstellen sind Produkte im Internet-of-Things miteinander und insgesamt mit dem jeweiligen Hersteller-Unternehmen verknüpft. Die Daten verbessern die Entwicklung neuer Produkte und ermöglichen die Entwicklung bedürfnisorientierter Dienstleistungen und digitaler Dienste.
  • Um das Produkt und dessen Daten entstehen zusätzliche wertschöpfende Dienstleistungen. Beispielsweise melden Maschinen frühzeitig Abweichungen vom normalen Betriebsmodus, um Leerlaufzeiten zu reduzieren. Maschinen werden gemietet und durch den Vermieter in Gänze über Dienstleistungen betrieben. Endkundenprodukte generieren Nutzungsdaten im Alltagskontext. Sie ermöglichen dadurch eine präzisere Entwicklung bedürfnisbefriedigender Lösungen. Die generierten Informationen werden in die vertikalen Wertschöpfungen weitergeleitet.
  • Beides zusammen wird über digitale Plattformen organisiert, an die andere Unternehmen andocken können. Digitale Produktbausteine gewinnen an Wichtigkeit, weil nur sie flexibel austauschbar, erweiterbar und kontrollierbar sind. Physische Produkte werden durch einen digitalen Service-Layer mit Mehrwert angereichert. Beispielsweise erhalten Smartphones durch Apps zusätzliche – vom Hersteller zuvor nicht installierte – individuell ausgewählte Erweiterungen.
  • Aus den Daten heraus wird die vertikale Produktionskette gesteuert, die wiederum durch den Einsatz neuartiger Technologien (beispielsweise 3D-Druck) in der Lage ist, in der Losgröße eins individualisierte Produkte im industriellen Tempo zu fertigen. In einem lernenden System wird es damit immer einfacher, neue Produkte in kürzester Zeit an den Markt zu liefern. Die Wettbewerbsfähigkeit steigt im Vergleich zu der klassischer Fertigungsstrecken deutlich an.

US-amerikanische Unternehmen gehen einen Weg. Sie nutzen hybride Produkte (Smartphone, Smartwatches, Sprachassistenten) und knüpfen diese an eigene digitale Plattformen. Voraussetzung für den Zugang zu dieser Plattform ist ein Nutzerkonto. Die Entwicklung von Produkten/Diensten (beispielsweise die Herstellung von Smartphones mit Android-System) für diese Plattform überlassen sie Partnern (beispielsweise die App-Entwicklung).

Bild zeigt den schematischen Aufbau von Plattformen in der digitalen Plattform-Ökonomie. Ein Datenaustausch zwischen den Partnern der Wertschöpfung ist nicht erwünscht und auch nicht gewollt.

An der Wertschöpfung der Partner lassen sich die Digitalunternehmen über Werbung oder Vermarktung der Daten beteiligen. Andere, wie Amazon, kombinieren physische und digitale Produkte. Im Kern der Wertschöpfung stehen die Nutzerdaten sowie Algorithmen, die die Relevanz der Partnerangebote bewerten und nur die besten Angebote an den Nutzer ausspielen. Die Produktion der Dienste und Produkte ist bei diesem System unwichtig – die digitale Plattform-Ökonomie setzt sich an die Schnittstelle zwischen Kunde und Unternehmen der industriellen Ökonomie. Die amerikanische Strategie verfolgt konsequent digitale Lock-Ins mit Andockstellen für die fertigende Industrie und Dienstleister. Die Gefahr besteht, dass die Wechselkosten für die Nutzer derart ansteigen, dass zukünftige Industrie-4.0-Dienste die Menschen nicht zum Wechsel in eigene Plattformen bewegen können. Vor allem Amazon arbeitet konsequent an einer durchgängigen physischen und digitalen Wertschöpfung, die den Nutzer immer stärker an das individualisierte Nutzerkonto bindet. Überhaupt ist zu beobachten, dass Unternehmen wie Apple, Facebook, Tesla, Amazon und Google am Aufbau eigener vernetzter Produkte arbeiten. Ein industrieweiter Standard gehört nicht zur Unternehmensstrategie – die Unternehmen entwickeln eigene IoT-Systeme zur Verknüpfung der Produkte mit einer digitalen Plattform.

Die Industrie 4.0 folgt wiederkehrenden Prinzipien. Diese sind nicht neu und entsprechen im Wesentlichen den Prinzipien der digitalen Ökonomie. In der Regel wenden Digitalunternehmen die Prinzipien in ihren Geschäftsideen und Geschäftsmodellen an, nicht aber übergreifend in einer gesamten Branche. Im nächsten Abschnitt betrachten wir die Prinzipien im Detail.

Was sind die Prinzipien hinter Industrie 4.0

Die folgenden Prinzipien sind charakteristisch für die Industrie 4.0. Interessanterweise lassen sich in den meisten der GAFA-Digitalplattformen wiederfinden. Hier beschränkt sich die Anwendung der Prinzipien aber auf geschlossene digitale Plattformen im Rahmen der Plattform-Ökonomie.

  • Vernetzung in der Industrie 4.0: Menschen, Geräte und Maschinen werden über das Internet-of-Things miteinander verbunden. Die Anbindung der Maschinen und Geräte erfolgt in der Regel für den Nutzer unsichtbar – sie interagieren automatisch, um für den Anwender maximalen Nutzen im Privat- und Berufsleben zu schaffen.
  • Informationstransparenz:Unternehmen erlangen, durch die Nutzung der Produkte als Sensoren, neue Erkenntnisse über den Anwendungskontext. Die Erhebung und Verarbeitung der Daten führt zu virtuellen Modellen der realen Welt. Auf Basis der Modelle lassen sich Produkte weiter- oder neu entwickeln.
  • Dezentralisierte Entscheidungen: Selbstlernende Systeme – vor allem solche auf Basis künstlicher Intelligenz – treffen Entscheidungen selbstständig und automatisch. Die Grundlage bilden Algorithmen und die durch die Sensoren gewonnenen Daten.
  • Technische Assistenz: Unterstützung der Mitarbeiter durch visualisierte Daten in der Produktentwicklung, Marketing, Vertrieb und Fertigung. Ziel ist die Entlastung der Mitarbeiter und die Absicherung von Entscheidungen.

Wir haben die Prinzipien hinter der Industrie 4.0 kennengelernt. Im nächsten Abschnitt schauen wir uns die wirtschaftliche Bedeutung von Industrie 4.0 an. Was bedeutet der Begriff Industrie 4.0 für die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens.

Was ist die wirtschaftliche Bedeutung von Industrie 4.0?

In naher Zukunft wird der Besitz von Produkten an Wichtigkeit abnehmen. Die Nutzung von Produkten tritt in den Vordergrund. Wirtschaftliche Rentabilität stellt sich bei der Nutzung von Produkten erst über einen längeren Zeitraum ein. Deshalb müssen zukünftige Produkte deutlich länger funktionieren. Eine wichtige Eigenschaft dieser Produkte ist die Anpassbarkeit der nutzenstiftenden Eigenschaften über den gesamten Lebenszyklus. Die Anpassbarkeit wird durch die Virtualisierung physischer Funktionen mithilfe von Software gewährleistet – beispielsweise erfolgt die Bedienung vieler Systeme im Tesla ausschließlich über das Touchpad und damit über ein digitales System. Dieses System ist jederzeit anpassbar und wird auch tatsächlich kontinuierlich aktualisiert. Die digitalen Bausteine der Produkte sind über eine Plattform miteinander verbunden. Für die individuelle Nutzererfahrung wichtige Daten werden am Nutzerkonto gespeichert, andere Daten wiederum werden unabhängig vom Nutzerprofil gespeichert und ausgewertet. Die generierte und automatisch verarbeitete Datenmenge bezeichnet man als Big Data in der Industrie 4.0 – Big Data, in Kombination mit smarten Algorithmen und KI, ermöglicht eine kontinuierliche Optimierung teildigitaler Produkte und die zielgerichtete Entwicklung neuer Produkte.

Der deutsche Ansatz der Industrie 4.0 unterscheidet sich insofern, als dass die Daten übergreifend zwischen Herstellern und allen Teilnehmern der Wertschöpfung vollautomatisch ausgetauscht werden. Der reibungslose, automatische Austausch von Daten soll mithilfe digitaler Währungen, wie beispielsweise IOTA, erfolgen. Unternehmen würden sich genau die Daten einkaufen, die sie gerade für die Bereitstellung von Diensten und Produkten benötigen. Die Kosten dafür werden durch die Bereitstellung der Daten aus der eigenen Produktpalette gedeckt. Bereits in der Fertigung werden Systeme unterschiedlicher Wertschöpfungsteilnehmer vollautomatisch miteinander interagieren.

Nicht nur die Endprodukte sind miteinander vernetzt, auch Maschinen, Werkstoffe und Teilprodukte tauschen im Netzwerk wertvolle Daten aus. Die Rüstzeiten werden deutlich verkürzt, und bestenfalls entsteht eine industrielle Fertigung mit der Losgröße eins – sprich individuelle physische Produkte aus industrieller Fertigung. Der Mensch nimmt im System der Industrie 4.0 eine kontrollierende und organisierende Rolle ein. Er ist Systembauer und Dirigent. Soziale und organisatorische Kompetenzen – auch im Rahmen internationaler Teams – werden wichtiger als produktionsbezogene Spezialisierungen. Interessanterweise – und darin liegt auch die Kritik am Begriff Industrie 4.0 begründet – beziehen sich diese Ideen nahezu vollständig auf die Produktion von Maschinen. Betrachtet man beispielsweise die Druckindustrie wird klar, dass diese bereits eine nahtlose digitale Wertschöpfung aufgebaut hat. Von der Auftragsgenerierung über digitale Plattformen, über die Erfassung der Druckdaten, den Druck, bis zum Versand – die Vorgänge sind größtenteils automatisiert. Die Industrie 4.0 ist deshalb vor allem ein Konzept des Maschinenbaus.

Im Zusammenspiel mit Industrie 4.0 hört und liest man immer wieder vom Internet der Dinge. Das Internet-of-Things – oder kurz IoT – ist einer der wichtigsten Bausteine der Industrie 4.0 – wir schauen uns das IoT im folgenden Abschnitt im Detail an.

Was bedeutet Internet-of-Things (IoT) in der Industrie 4.0

In vielen Beiträgen über Internet 4.0 liest man von dem Internet der Dinge, oder englischsprachig dem Internet-of-Things (IoT). Ohne das Internet der Dinge wäre die Industrie 4.0 nicht realisierbar. Bei dem Internet-of-Things handelt es sich um eine Art Internet. In diesem Netzwerk sind vorrangig Produkte miteinander verbunden. Wir wollen den Begriff an dieser Stelle im Detail betrachten.

  • Beim Internet-of-Things handelt es sich um die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer Produkte in einem internetähnlichen Netzwerk. In diesem Netzwerk tauschen hauptsächlich Produkte Daten aus dem Nutzungskontext und der Nutzungsumgebung aus.
  • Unterschiedliche Produkte wirken in unterschiedlichen Alltagssituationen und generieren spezifische Erkenntnisse über die Situation und das Verhalten der Nutzer. Die Idee hinter dem Internet-of-Things zielt deshalb darauf ab, aus den vielen Einzelerkenntnissen ein scharfes Bild des Nutzungsalltags zu formen. Dafür werden Produkteherstellerübergreifend Daten austauschen. Diese Daten werden für die Hersteller in Zukunft eine Umsatzquelle darstellen. Wie bereits erwähnt, stehen bereits digitale Währungen – wie IOTA – zur Verfügung, die vollautomatische Transaktionen zwischen Produkten/Maschinen/Software ermöglichen.
  • Herausforderungen im Aufbau des IoT ist die Schaffung eines Standards mit Komponenten und Diensten, die durch alle Wirtschaftsteilnehmer angewendet werden können. Außerdem spielt die Sicherheit der Daten eine große Rolle. Auf der Kostenseite stehen hohe Aufwände in der Integration digitaler Bausteine in Produkte, die durch die Marge nicht gedeckt werden.
  • Eine weitere große Frage ist die nach der Datensicherheit und dem Dateneigentum. Für Unternehmen und auch Staaten stellen die Daten einen hohen wirtschaftlichen Wert dar, sind aber letztendlich Eigentum der Nutzer.
  • Und letztendlich gilt es, digitale Dienste zu bauen, die für den Nutzer einen Mehrwert bieten. US-Unternehmen gehen diese Herausforderung anders an. Sie bauen – beispielsweise wie Google mit Google Maps – Software mit Mehrwert für den Kunden und platzieren diese auf allen Geräten mit dem passenden Betriebssystem. Tesla reduziert die physischen, nicht anpassbaren Elemente in seinen Fahrzeugen und verknüpft den digitalen Produktbestandteil mit seinem unternehmenseigenen Netzwerk. Die Fahrzeuge sind dadurch jederzeit anpassbar und liefern eine Vielzahl an Daten aus dem Nutzungskontext. Man kann das durchaus als unternehmenseigenes IoT sehen. Demgegenüber steht die deutsche Idee eines Netzwerks, das über Schnittstellen den unternehmensübergreifenden Austausch an Daten ermöglicht.
  • Darüber hinaus ermöglicht die Verknüpfung der Daten in einem Nutzerkonto die Übernahme von Einstellungen und Produktkonfigurationen auf die nächste Produktgeneration. Bei Smartphones ist dies bereits der Fall. Unternehmen wie Volkswagen haben sich beispielsweise die Übernahme von Fahrzeugeinstellungen beim Wechsel auf ein neues Fahrzeug auf die digitale Fahne geschrieben.

Das Internet-of-Things ist – mehr oder minder – das Rückgrat der Industrie 4.0. Vor allem von neuen Plattform-Modellen und innovativen Geschäftsideen. Einige Unternehmen bauen – im Rahmen der eigenen Produktpalette – ein Internet-of-Things auf, um Daten zu generieren, zu analysieren und die einzelnen beteiligten Produkte mithilfe dieser Daten zu optimieren. So sind beispielsweise die Fahrzeuge von Tesla Motors mit einer Plattform vernetzt, tauschen Informationen miteinander aus und erhalten neue Updates im laufenden Betrieb.

Stichwort Geschäftsideen – am Ende entscheiden wir Konsumenten und Nutzer über den wirtschaftlichen Erfolg neuer Angebote. Neue innovative Geschäftsideen nutzen Technologien der Industrie 4.0 und des Internet-of-Things für neue digitale und physische Angebote. Im nächsten Abschnitt betrachten wir die Art und Weise, wie Industrie 4.0 auf neue Geschäftsideen und Geschäftsmodelle einwirkt.

Funktionsweisen und Anwendungsbeispiele der Industrie 4.0

Die Maßnahmen der Industrie-4.0-Initiative zielen auf Verbesserungen in allen Branchen ab. Produktion und Dienstleistungen sollen effizienter und effektiver werden – neue Geschäftsideen und Geschäftsmodelle können chancenreicher und risikoärmer entwickelt werden, weil Daten aus der alltäglichen Nutzung ein klares Bild des Anwendungskontextes erzeugen. In diesem Abschnitt beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen der Industrie 4.0 auf die Geschäftsidee und auf die Geschäftsmodelle von Unternehmen. Lassen Sie uns zuerst die grundlegenden Funktionsweisen der Industrie 4.0 betrachten.

  • Verknüpfte Systeme, in denen Daten frei fließen und neuartige Wertschöpfungen: Neu verfügbare Daten aus dem Alltag der Kunden erhöhen die Qualität des Nutzens. Produkte werden über den Kaufzeitpunkt hinaus optimier- und erweiterbar. Die Daten fließen – abgerechnet über Krypto-Währungen (Stichwort: IOTA) – zwischen Produkten. Produkte können sich die Daten holen, die sie zur optimalen Wertschöpfung im Moment der Nutzung benötigen.
  • Automatisierte, kurzfristig anpassbare Produktion (Smart Factory): Die Produktion von Produkten erfolgt reibungslos über die gesamte Supply-Chain. Veränderungen an Produkten werden im laufenden Betrieb eingepflegt. Der digitale Baustein der Produkte wird in Echtzeit aktualisiert und optimiert. Die Logistik wird größtenteils – wie es bei Alibaba in China bereits der Fall ist – durch den Einsatz von Robotern und Algorithmen automatisiert und beschleunigt.
  • Neue Art der Mobilität: Es entsteht eine Mobilitätswelt, in der Fahrzeuge keine Leerlaufzeiten mehr haben und damit die Nutzung ressourcenintensiver Produkte deutlich gesteigert wird. Vernetzte, selbstfahrende Fahrzeuge werden die Mobilität der Menschen steigern und letztendlich die Kosten für Mobilität senken. Die Logistik wird durch größtenteils selbstfahrende Lkws beschleunigt. Ruhezeiten entfallen und Daten ermöglichen optimale Routenplanungen. Bei gleicher Anzahl von Fahrzeugen werden mehr Güter bewegt.
  • Besseres und effektiveres Gesundheitssystem: Durch neue Formate, wie beispielsweise das Online-Gespräch mit dem Arzt, wird das Gesundheitssystem entflochten, effizienter und effektiver. Eine sichere Krankenkassenkarte speichert den bisherigen Krankheitsverlauf von Patienten, vor allem aber wichtige Informationen über Allergien und andere lebenswichtige Informationen. So können Ärzte sicherer und fokussierter Patienten betreuen. Patienten müssen nicht mehr selber ihre Krankheitshistorie reflektieren.
  • Ökologisch nachhaltige Produkte: Neue Ansätze für den Klimaschutz durch effizientere Produktion, längere Produktzyklen und deutlich mehr Nutzen in den Produkten. Durch den digitalen Produktteil werden Produkte über einen längeren Zeitraum nutzbar. Sie passen sich über den gesamten Lebenszyklus kontinuierlich an den Alltagskontext an und erhöhen dadurch die Lebensqualität der Eigentümer.
  • Neue Energienetze: Neue Art der Energie-Produktion und der Energie-Verteilung durch miteinander kommunizierende energieproduzierende Einheiten, wie beispielsweise Häuser, Ökogas-Kraftwerke und Windparks. Weniger Notwendigkeit für eine manuelle Kontrolle des Stromnetzes, sowie eine deutlich geringere Ausfallgefahr des Gesamtsystems.

Was bedeutet Industrie 4.0 für neue Geschäftsideen

Geschäftsideen beschreiben den Nutzen – also das Wertversprechen – für den Endnutzer des Produkts oder des Dienstes. Eine Geschäftsidee lässt sich mithilfe von acht verhaltenspsychologischen Kriterien bewerten – mit diesen gelingt eine systematische Einschätzung, inwiefern ein am Markt etabliertes Verhalten durch ein neuartiges Angebot verändert werden kann. Mit unserer Methode schaffen wir ein Bild des Nutzens. Bilder inspirieren und erzeugen ein einheitliches Verständnis. Schauen wir uns die acht Kriterien unserer Methodik genauer an.

  • Ziele des Kunden erfüllen: Der Grundgedanke der Industrie 4.0 ist, dass Produkte Erkenntnisse über die Nutzung im Alltag generieren und so ein detailliertes Modell der Nutzung ermöglichen. Mit diesen Informationen und der Teildigitalisierung von Produkten lassen sich Werteversprechen und der Nutzen auch nach dem Verkauf optimieren und anpassen. Unternehmen – wie beispielsweise Tesla – optimieren kontinuierlich ihre Produkte. So werden beispielsweise neue Funktionen freigeschaltet, das Batteriemanagement optimiert oder die GUI der Bedienelemente verfeinert. Der Kunde erlebt ein Produkt, dessen Kinderkrankheiten mit der Zeit verschwinden und dessen Bedienung und Leistung kontinuierlich verbessert wird.
  • Normen und Werte: Zuverlässigkeit und Perfektion sind wichtige deutsche Werte. Die Industrie 4.0 reflektiert diese, indem auf ausreichender Datenbasis und teildigitalisierter physischer Produkte eine nachträgliche und kontinuierliche Verbesserung der Produkte möglich ist. Kurzum, der Kunde muss nicht mehr mit Schwächen des Produktes leben, sondern erlebt Produkte, die sich selbst kontinuierlich verbessern und optimieren.
  • Ästhetik und Einfachheit: Menschen bevorzugen einfach zu benutzende, gut funktionierende und gut gestaltete Lösungen. Mithilfe von Daten aus der Produktbenutzung lassen sich Anwendungen kontinuierlich verbessern. In Fabriken werden Mitarbeiter über einfach und ansprechend aufgebaute Interfaces Maschinenparks steuern und Daten in Echtzeit analysieren können.
  • Zeitersparnis: Teildigitale Produkte ermöglichen einen schnelleren Time-to-Market, weil ein großer Teil der Produktfunktionen in digitaler Form ausgeliefert wird. Dieser Teil kann nach dem Kauf, während der Nutzung, ausgebaut und verbessert werden. Innerhalb der industriellen Anwendung verkürzen miteinander kommunizierende Maschinen, Werkstücke und Teilprodukte die Umrüstzeiten und beschleunigen die Produktion. Die Vorlaufzeiten für die Herstellung neuer Produkte sinkt, da die Kommunikation in digitaler Form durch die Supply-Chain läuft.
  • Finanzielle Ersparnis: Einsparung durch geringere Kosten bei den Rüstzeiten, geringere Lagerbestände, schnellere Durchläufe. Verschiebung vormals physischer Bausteine in einen digitalen Layer (zum Beispiel Funktionen im Auto werden digitalisiert) ermöglicht neue Funktionen zu geringeren Kosten, da ein kleines Team sofort global ausrollbare Software produziert.
  • Physische Aufwände: Einsparung physischer Aufwände, weil Produkte über eine Softwareebene gewartet werden können. Beispielsweise kann Tesla bereits heute seine Fahrzeuge in der Nacht updaten und neue Funktionen und Optimierungen freischalten. Dies wirkt auf das Produkterlebnis der Kunden ein und spart den einen oder anderen Weg zum Händler. Unternehmen verlängern damit die Lebenszyklen von Produkten und ermöglichen die Generierung umfangreicher Datenbestände über die Anwendung im Alltag des Kunden. Vernetzte Produkte ermöglichen damit ein kontinuierliches Markt-Screening und Kunden-Monitoring. Mit den Erkenntnissen lassen sich Fehlentwicklungen vermeiden und Probleme mit Produkten frühzeitig identifizieren.
  • Kognitive Ersparnis: Produkte generieren Daten über die Nutzung, sodass die Produkte kontinuierlich an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden. Dadurch verbessert sich die Usability und User-Experience, die Kunden werden in der Bedienung der Produkte entlastet – intuitive Produkte lassen sich unproblematisch benutzen.
  • Alltagsroutinen: Vernetzte Produkte fungieren – wie bereits erwähnt – als Sensoren. Sie nehmen Informationen über die Benutzung im Alltag auf, und liefern diese an zentrale Plattformen aus. Smartphones sind – streng genommen – solche Sensoren. Sie liefern sonst verborgene Einblicke in den Alltag der Nutzer. Mit den Daten und den daraus gewonnenen Erkenntnissen lassen sich die Produkte optimieren. Die Entwicklung neuer Produkte wird risikoärmer und chancenreicher.

Neue Geschäftsideen können von den Ideen hinter dem Begriff Industrie 4.0 profitieren. Neu sind diese Ansätze nicht. Vieles von dem wird bereits von großen Digitalunternehmen gelebt und angewendet. In der Regel steht bei vielen Unternehmen die grundlegende Geschäftsidee, weshalb sich die Anwendung von Maßnahmen – im Rahmen der Industrie 4.0 – auf das Geschäftsmodell beschränken. Inwiefern das Geschäftsmodell durch die Industrie 4.0 verändert wird, beleuchten wir im nächsten Abschnitt.

Was bedeutet Industrie 4.0 für das Geschäftsmodell

Unsere analytische Herangehensweise basiert auf einer einfachen Grundidee. Komplexe Sachverhalte lassen sich nur dann sinnvoll betrachten, wenn man sie auf das Wesentliche reduziert. Wir arbeiten mit dem Business-Model-Canvas – einem Design-Werkzeug, das Kategorien und eine Struktur für die Betrachtung von Geschäftsmodellen vorgibt. Es erzeugt ein einheitlich verständliches Bild des Geschäftsmodells und fördert das inspirierende Nachdenken über neue Chancen und Möglichkeiten. Zentraler Baustein des Geschäftsmodells ist die Geschäftsidee – sie definiert den Kundennutzen und damit den Sinn und Zweck des gesamten Unternehmens. Mehr über das Modell lesen Sie hier. Als Nächstes schauen wir uns an, wie die Idee, Prinzipien und Maßnahmen der Industrie 4.0 auf das Geschäftsmodell einwirken.

  • Wertversprechen – 1 (Value-Proposition): Vernetzte Produkte liefern im Internet-of-Things wertvolle Daten aus der täglichen Anwendung. Mithilfe der Daten lässt sich der digitale Teil der Produkte – falls integriert – in Echtzeit aktualisieren und anpassen. Eine Teildigitalisierung ermöglicht die Weiterentwicklung und Optimierung der Produkte über den Verkaufszeitpunkt hinaus, erhöht die Produktqualität, maximiert den Kundennutzen und verlängert den Lebenszyklus des Produktes.
  • Kernpartner – 8: Unternehmen integrieren voll automatisiert Fertigungspartner der Supply-Chain. Daten aus der Produktnutzung fließen automatisch durch das Netzwerk der angebundenen Partner und ermöglichen in allen Abschnitten der Lieferkette zeitnahe und sofort umsetzbare Optimierungen.
  • Kernressourcen – 7 / Kernaktivitäten – 6: Produkte werden im Internet-of-Things miteinander vernetzt. Damit gelingt die Generierung von Daten in der Nutzung – vor allem im Herstellungsprozess. Kommunizierende Werkstücke, Maschinen und Teilprodukte ermöglichen eine optimale Nutzung der Produktionsressourcen und ermöglichen kurze Rüstzeiten der Maschinen. Die Fertigung wird effizienter und effektiver. In diesem Kontext sei der 3D-Druck erwähnt. Mit ihm könnten industriell gefertigte Produkte mit der Losgröße eins und damit individuell auf den Kunden zugeschnitten entstehen. Die kommunizierenden Bestandteile der Produktion verringern den Materialbedarf und die Lagerkosten. In der Produktion kann fachliches Personal eingespart werden – der Fokus verschiebt sich auf hochqualifiziertes Personal zur Steuerung der Anlagen. Maßnahmen der Industrie 4.0 helfen mit vorausschauender Wartung (Predictive Maintenance), Fehler in der Produktion frühzeitig zu erkennen, Wartungsmaßnahmen anzustoßen und die Ausfallzeiten auf diese Weise zu reduzieren.
  • Kundenkanäle – 3 / Zielgruppen – 4: 71% der Unternehmen, die in Industrie 4.0 investieren, können ihre Produkte nach dem Verkauf identifizieren und zurückverfolgen. Damit lassen sich wichtige Kundenkanäle und Zielgruppen identifizieren.
  • Kosten – 9: Unternehmen investieren im Schnitt 5% des Jahresumsatzes in Internet-of-Things-/Industrie-4.0-Maßnahmen. Die Branchen mit dem höchsten Einsatz in Industrie-4.0-Maßnahmen sind die Automobilbranche, die Konsumgüterbranche, der Maschinenbau und die Elektrotechnikbranche. Vor allem Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern investieren massiv in Industrie-4.0-Maßnahmen. Laut der Unternehmensberatung EY werden Kosteneinsparungen von mindestens 5% erwartet.
  • Umsatz – 5: Produkte mit einem digitalen Dienste-Layer – einer digitalen Plattform mit zusätzlichen Anwendungen (zum Beispiel Apps) – ermöglichen zusätzliche Umsatzströme jenseits des reinen Erlöses aus der Produktion. Im Internet-of-Things können die generierten Daten anderen Unternehmen – beispielsweise über Maschinenwährungen wie IOTA – angeboten und damit in Umsatz umgewandelt werden. So werden beispielsweise Automobile zu mobilen Wetterstationen oder zu Sensoren für die Verkehrslage. Auch innerhalb der Plattformen lassen sich durch Daten Mehrwerte generieren. Je nach Digitalisierungsgrad des Produktes können Leistungen über Software hinzugebucht werden – so bietet beispielsweise Tesla bereits heute softwarebasierte Funktionen auf Abruf an (zum Beispiel die Autopilot-Funktion oder ein performance-orientiertes Batteriemanagement). Zusätzliche Umsätze lassen sich damit situations- und bedarfsbedingt generieren.

Die größte Wirkung des Internet-of-Things und der Industrie-4.0-Maßnahmen wirken auf die Kostenseite des Geschäftsmodells ein. Interessanterweise scheinen sich die amerikanischen Digitalunternehmen tendenziell eher auf den umsatz- und kundenbezogenen Teil zu konzentrieren. Hier stehen größtenteils digitalisierte physische Produkte (zum Beispiel Tesla, Apple) im Fokus. Diese sind in der Regel mit einer übergreifenden Plattform vernetzt und liefern im großen Maßstab Daten. Die Software der Produkte lässt sich wiederum in Echtzeit über das Internet aktualisieren, erweitern und optimieren. Damit wirken die US-Unternehmen auf die wahrgenommene Produktqualität und die Kundenzufriedenheit ein. Wir sind der Überzeugung, dass Unternehmen vor allem in den Aufbau geeigneter Plattformen, mit Software digitalisierte Produkte sowie in Produkte integrierte Sensoren – inklusive Schnittstellen für andere Unternehmen – investieren sollten.

Wir haben die Auswirkungen der Ideenansätze der Industrie 4.0 auf die Geschäftsidee und das Geschäftsmodell eines Unternehmens betrachtet. Mit zunehmender Vernetzung von Unternehmen entsteht eine strategische Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Im nächsten Absatz betrachten wir die nationalen Auswirkungen der Industrie 4.0.

Industrie 4.0 – Chancen und Risiken für die deutsche Wirtschaft

Industrie 4.0 ist die Leitidee unserer aktuellen Bundesregierung. Mit ihr werden Aktivitäten organisiert und aufeinander abgestimmt. Insofern liefert Industrie 4.0 einige Stoßrichtungen für ausgewählte Branchen. Ausgewählt, weil einige Branchen bereits wesentlich fortgeschrittener sind und einzelne Unternehmen losgelöst an eigenen Ökosystemen arbeiten. Die Druckindustrie arbeitet bereits größtenteils digitalisiert. Und Volkswagen hat beispielsweise eine eigene Plattform im Kopf, mit der Nutzer nach einmaliger Anmeldung persönliche Fahrzeug-Einstellungen beim Wechsel auf ein neues Fahrzeug (eventuell markenübergreifend) automatisch übernehmen können. Ein solches System wendet die Industrie-4.0-Prinzipien im geschlossenen Unternehmensrahmen an. Die Unternehmensberatung EY hat in einer Studie die Bedeutung der Industrie 4.0 für die deutsche Wirtschaft untersucht – folgende spannenden Fakten sind dabei herausgekommen.

  • 80% der Befragten schreiben dem Thema Industrie 4.0 und den damit verknüpften Chancen eine hohe strategische Bedeutung zu. Nur 20% der Unternehmen sind demnach der Meinung, dass Industrie 4.0 und allem voran das Internet-of-Things keine Bedeutung für das Unternehmen haben. Wir denken, dass dies vor allem aus fehlenden unternehmerischen Anwendungskonzepten heraus resultiert.
  • 72% der Unternehmen, die in Internet-of-Things-Lösungen investieren, versprechen sich mehr Flexibilität in der Produktion. Mit der Flexibilität steigt die Anpassungsfähigkeit und damit die Marktchancen – eine Steigerung der Reaktionszeiten stellen mit 52% einen weiteren wichtigen Faktor dar.
  • Interessanterweise verbinden relativ wenig Unternehmen den Einsatz der IoT-Technologie mit Chancen in der Kundenunterstützung (33%) und der Entwicklung innovativer neuer Produkte (24%). Neue Märkte peilen nur 22% der Unternehmen mit der Einführung von Internet-of-Things-Technologie an. Hier zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zu den amerikanischen Unternehmen – diese setzen vor allem auf neuen Kundennutzen und damit auf ein marktveränderndes Verhalten. Die Dominanz in neuen Märkten ist das Hauptziel der amerikanischen Strategien. Wir glauben, dass die deutschen Unternehmen an dieser Front aktiver werden sollten, um die Chancen der digitalen Ökonomie besser nutzen zu können.
  • Zu den weiteren wirtschaftlichen Zielen der IoT/Industrie 4.0 zählt die Einsparung von Kosten. Allerdings haben nur etwa 23% dieses Ziel. Werden Anstrengungen in diesem Bereich unternommen, werden mindesten 5% Einsparpotenzial vom Jahresumsatz erwartet. Mit der Senkung der Kosten sichern sich Unternehmen Chancen im internationalen Wettbewerb – aber gerade chinesische Unternehmen sind aktuell mindestens ähnlich stark technisch aufgestellt beziehungsweise arbeiten an ähnlichen Aufgaben. Ob der Wettbewerb über Kostenführerschaft auf Dauer sinnvoll ist? Wir bezweifeln das. Mehr Chancen liegen in der Entwicklung neuer innovativer Produktplattformen mit digitalem Dienste-Layer – sowohl im B2C-, vor allem aber im B2B-Kontext. Es gilt, die Fähigkeit der Hidden-Champions digital abzubilden und daraus starke industrielle Plattformen zu schmieden.

Die Grundidee der Industrie 4.0 ist richtig und gut. Allerdings sollten deutsche Unternehmen nicht die Kostenführerschaft als strategisches Ziel anpeilen. Mehr Chancen und weniger Risiken liegen in der Kombination aus innovativen digitalen Plattformen, teildigitalisierten physischen Produkten für End- und Unternehmenskunden. Hier können vor allem Unternehmen aus dem Mittelstand ihre Stärken ausspielen. Sie überführen ihre industriell geprägte – erfolgreiche – Kundenorientierung in die digitale Ökonomie. Mit solchen Systemen können sie Kunden aus B2B und B2C begeistern und binden. Wir glauben deshalb, dass im unbedingten Innovationsdenken die größten Chancen der Industrie 4.0/IoT liegen.

Wir haben gezeigt, dass in den Grundideen und Prinzipien der Industrie 4.0 durchaus Chancen für die deutsche Wirtschaft liegen. Dafür müsste eine Abkehr von der Kosten- zur Innovationsführerschaft vollzogen werden. Mit einer unbedingten Nutzung digitaler Technologien zur Umsetzung innovativer Geschäftsideen und Geschäftsmodellen reduzieren deutsche Unternehmen die Risiken und erhöhen die Chancen auf marktverändernde Innovationen in B2B- und B2C-Märkten. Im nächsten Abschnitt betrachten wir kurz die Technologien und Plattformen.

Welche Plattformen und Technologien stehen hinter der Industrie 4.0

Hinter dem Begriff der Industrie 4.0 steht keine Sammlung fest definierter Technologien. Vielmehr sind existierende und neu aufkommende Technologien zur Realisierung geeignet. Von der gängigen Web-Technologie über 3D-Druck, RFID-Chips, bis hin zu Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Anwendungen reicht das Spektrum der Technologien. Viel wichtiger als die Frage nach der Technologie ist im ersten Schritt die Schaffung eines höheren Nutzens. Dafür müssen neue Geschäftsideen gefunden werden, die Technologie so einsetzen, dass ein marktveränderndes Kundenverhalten wahrscheinlich wird. Erst danach können Technologie und andere Ressourcen im Geschäftsmodell geplant werden, um die Geschäftsidee wirtschaftlich rentabel zu realisieren. Grundsätzlich sind alle Technologien geeignet, die softwarebasiert Daten bündeln (Plattformen), die Daten generieren (Hardware als Sensoren), die Daten zu Informationen verdichten (künstliche Intelligenz), die Daten teilbar machen (Schnittstellen) und die aus Daten schnell neue Produkte erzeugen können (3D-Druck). Da die Technologie einem permanenten Wandel unterliegt, ist die folgende technologische Auflistung nie wirklich vollständig.

  • IoT- und Cloud-Betriebssysteme: Die Firma Bosch arbeitet an einer Cloud-Plattform, mit deren Hilfe sich Maschinen über das IOT in der Produktion vernetzen lassen. Andere Unternehmen arbeiten daran, den vollautomatischen Datenhandel zwischen Geräten zu ermöglichen. Eine mögliche Lösung ist beispielsweise die Krypto-Währung IOTA aus Hamburg. Sie ermöglicht Produkten, benötigte Daten und Transaktionen ohne menschliche Interaktion und Banken durchzuführen. So könnte beispielsweise ein Auto in Zukunft das Parkhaus selbstständig bezahlen und später zum Beispiel durch die Generierung von Verkehrsdaten neue IOTAs generieren.
  • API – Application Programming Interfaces: Bezeichnen Schnittstellen in Plattformen. Über die Schnittstellen können Apps, Geräte, Produkte und Plattformen Daten austauschen. Ohne die API wäre ein Internet-der-Dinge nicht mehr möglich. Jede größere Plattform bietet APIs für Partner an. Sei es um Daten über die Partner zu generieren, oder aber um die eigenen Daten in Geld umzuwandeln.
  • Bluetooth Low Energy: Die Bluetooth Low Energy-Technologie ist eine spezielle Version der bekannten Technologie. Der neue Standard verbraucht weniger Energie und ist speziell auf drahtlose Geräte und Gadgets ausgerichtet. Die Produkte können sich energieschonend mit anderen Geräten verbinden und Daten austauschen. Ein wiederkehrendes Pairing entfällt bei den Geräten. Damit ist es die ideale Technologie, um im Internet-of-Things Geräte direkt miteinander zu verbinden.
  • Embedded Intelligence / Machine-to-Machine-Communication: Geräte werden mit Fähigkeiten ausgestattet, mit denen sie spezielle Aufgaben wiederkehrend lösen können. Durch die Vernetzung spezialisierter Systeme entstehen flexible Netzwerke zur Lösung von Alltagssituationen. Dazu verbinden sich die Geräte mit den genau passenden Fähigkeiten zum Zeitpunkt des Bedarfs. Im Idealfall findet dieses Zusammenschalten passender Geräte ohne Menschen statt. Man spricht dann von Machine-to-Machine-Communication. Die Abrechnung automatischer Dienste zwischen Geräten lässt sich beispielsweise über Mikro-Transaktionen in IOTA realisieren. Dadurch entstehen ganz neue Wertschöpfungen, an denen der Mensch nicht direkt beteiligt ist, in seinem Alltag aber unmittelbar profitiert.

Wir haben festgestellt, dass die Technologien für die Industrie 4.0 sich permanent weiterentwickeln. Die wohl wichtigste Technologie scheint das Internet-der-Dinge zu sein. Alle darauf einzahlenden technologischen Entwicklungen sind zu beobachten. Die wichtigsten Aufgaben sind die Entwicklung eines einheitlichen, offenen Betriebssystems für die Objekte im Internet-der-Dinge, die Definition von Schnittstellen und Datenformaten und letztendlich die Einführung einer Maschinen-Währung, mit denen die vernetzten Produkte und Plattformen den Austausch von Daten abrechnen können. Da jedes Gerät im Internet-der-Dinge gleichzeitig auch ein Sensor ist, würden Produkte während der Benutzung mit den generierten Daten digitale Währung generieren und bei Bedarf damit andere Dienste bezahlen.

Als Nächstes werden wir uns kurz mit den Vor- und Nachteilen des Begriffs Industrie 4.0 und den Technologien beschäftigen. Neben offensichtlichen Vor- und Nachteilen wollen wir dabei das Hauptaugenmerk auf solche Vorteile und Nachteile lenken, die aus einer verhaltensökonomischen Betrachtungsweise entstehen.

Vorteile und Nachteile der Industrie 4.0 / IoT

Wie jede andere Idee auch bringt der Begriff Industrie 4.0 Vor- und Nachteile in der Umsetzung. Unserer Meinung nach darf man nicht vergessen, dass Industrie 4.0 nur eine Idee ist, um die digitalen Veränderungen in Deutschland zu organisieren. Die Vorteile entstehen überall dort, wo sich Technologie zum Nutzen der Kunden einsetzen lässt. Egal, ob es sich um Unternehmens- oder Endkunden handelt. Nachteilig ist aus unserer Sicht der große Fokus von Industrie 4.0 auf Technologie, anstelle auf Nutzerbedürfnisse. Viele nutzerzentriert arbeitende Unternehmen machen bereits heute vor, dass es keinen Kunstbegriff wie Industrie 4.0 braucht, um wettbewerbsfähige und dem Markt überlegene Angebote zu produzieren. Wir empfehlen zuerst aus Sicht des Nutzers neue Geschäftsideen und Geschäftsmodelle zu entwickeln und danach zu bewerten, ob diese mit Ideen der Industrie 4.0 einhergehen.

Vorteile der Industrie 4.0

  • Transparente und damit effektivere Lieferkette, die gleichzeitig auch zuverlässiger im Hinblick auf Lieferterminen und deren Einhaltung ist.
  • Ressourcenschonung im Einkauf, weil wiederkehrende Einkäufe automatisiert werden.
  • Höhere Verfügbarkeit von Informationen im Unternehmen. Daten aus Produktion, Vertrieb und Produktnutzung ermöglichen ein genaueres Verständnis von den Vorgängen im Unternehmen.
  • Maschinen im Produktionsprozess versorgen sich selbstständig mit Nachschub und ordern vollautomatisch Wartungspersonal, falls benötigt. Sie können sich vollautomatisch umrüsten, falls die Aufgaben im Produktionsprozess dies erforderlich machen.

Nachteile der Industrie 4.0

  • Aktuell ist es nicht mehr als ein Sammelbegriff für Technologien. Zukünftig erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle sind aber vor allem deshalb erfolgreich, weil sie den Kundennutzen in das Zentrum der Strategie stellen und Technologie passgenau andocken. Die Idee der Industrie 4.0 vernachlässigt größtenteils den Kundennutzen und schafft keine neuen Geschäftsideen und Geschäftsmodelle.
  • Die Aktivitäten in der Industrie 4.0 sind investitionsintensiv. Vor allem qualifiziertes Personal ist schwer zu bekommen und sehr teuer. Fehlende Standards und Sicherheitsbedenken erschweren entsprechende Maßnahmen. Unternehmen, die geschlossene Plattformen mit APIs aufbauen – wie es die Digitalkonzerne Apple, Amazon, Google und Co. machen – sind im Vorteil.
  • Unklare strategische Zielvorhaben – was ist Industrie 4.0 und wie kann ich diese im eigenen Geschäftsmodell integrieren. Wie kann ich mit den Optionen neue Geschäftsideen entwickeln? Aktuell scheint Industrie 4.0 nur ein Buzzword zu sein, das mehr verwirrt, als Ordnung zu stiften.
  • Geschäftsideen und Geschäftsmodelle werden in dieser technischen Betrachtungsweise nicht aus Nutzersicht, sondern sehr mechanisch und technisch betrachtet. Tatsächlich aber liegen die Chancen auf den Märkten der Zukunft in der Generierung überlegener Werteversprechen und Kundenerlebnisse. Diese müssen vom Markt her gedacht und mit den Prinzipien der digitalen Ökonomie realisiert werden. Es bringt nichts, besonders effizient und effektiv miteinander kommunizierende Produkte zu bauen, die kein Kunde kaufen oder benutzen möchte.

Wir haben die Vor- und Nachteile der Leitidee „Industrie 4.0“ betrachtet – als Begriff sammelt Industrie 4.0 technologische Ansätze, ohne aber konkrete neue Geschäftsideen und Geschäftsmodelle hervorzubringen. Dies scheint der größte Nachteil der Leitidee zu sein. Zeit, ein finales Fazit zu ziehen.

Unser Fazit zum Begriff „Industrie 4.0“

Industrie 4.0 ist der Versuch, die notwendigen Maßnahmen für den Wandel von der industriellen in die digitale Ökonomie unter einem Begriff zu bündeln. Die Sammlung an Themen beinhaltet technische Entwicklungen, die bereits heute von erfolgreichen Digitalunternehmen angewendet werden. Beispielsweise Plattformen mit Schnittstellen zum Andocken von eigenen und fremden Produkten. Die Entwicklung innovativer digitaler Geschäftsideen und Geschäftsmodelle rückt in den Hintergrund – da vor allem Prozesse innerhalb und zwischen produzierenden Unternehmen fokussiert werden. Eine Strategie zur nutzerfokussierten Entwicklung neuartiger Produkte und Dienstleistungen fehlt. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass B2B-Märkte nach anderen Regeln funktionieren und durch Maßnahmen der Industrie 4.0 Mehrwert für Unternehmenskunden geschaffen wird. Wir denken trotzdem, dass der größte Nachteil des Begriffs Industrie 4.0 darin liegt, dass die Schnittstelle zum Nutzer – ein marktüberlegener Nutzen – nur eine Randaufgabe ist. Unternehmen der digitalen Ökonomie sind aber vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie zuerst den marktüberlegenen Nutzen erarbeiten und entwickeln – mithilfe von Technologien, nicht aber primär aus technologischer Sicht. Unsere Empfehlung an Unternehmer und Manager: Lassen Sie sich durch die Begriffe der Industrie 4.0 und den damit verknüpften Themen nicht verrückt machen. Nutzen Sie Design-Thinking- und andere Methoden, um neue Geschäftsideen in Richtung der Unternehmens- und Endkunden zu generieren. Adaptieren Sie bewährte digitale Geschäftsmodelle, um diese Ideen wirtschaftlich rentabel umzusetzen. Gehen Sie kleine Schritte, um schnell am und mit dem Markt zu lernen.